Der "Broiler" ist nicht der Bruder der Legehenne

Ein männliches Legehuhnküken darf nach dem Schlupf nur ein bis zwei Stunden lang leben. Während seine Schwestern es später zu der unglaublichen Leistung von bis zu 320 gelegten Eiern im Jahr bringen werden, ist jedes kleine Hahnenküken der Turbo-Legehybridlinien aus wirtschaftlicher Sicht wertlos. Zwischen 40 und 50 Millionen männliche Küken werden deshalb jedes Jahr in Deutschland geschreddert, zermust oder vergast. Profit kennt kein Erbarmen.

Die Tötungsmaschinen, in die die Küken über ein Fließband gelangen, haben so unverfängliche Namen wie "Muser" oder "Homogenisator". Auf Fachmessen kann man diese Maschinen ausgestellt finden und erfahren, mit welchen technischen Argumenten für sie geworben wird. Wer sie jedoch in Gebrauch erleben will, um der Öffentlichkeit ein unverfälschtes Bild der millionenfachen Kükenvernichtung geben zu können, steht vor verschlossener Tür. Film- und Fotoaufnahmen in den eigenen Produktionshallen fürchtet die Geflügelindustrie wie kaum etwas anderes. Denn ganz wohl ist auch den Brütereien nicht beim Thema Kükentötung. Wenn ein Starkoch wie Jamie Oliver vor laufender Kamera Küken vergast und damit die Methoden der Brütereien einem schockierten Publikum vorführt, droht der Branche das in ihren Augen größte Übel: Umsatzverluste.

Die Suche nach Alternativen blieb bislang aber eher halbherzig. Eine der Ideen, die derzeit erprobt werden, ist die Mast von "Stubenküken". Dabei werden die Hähnchenküken der Legehennenhybriden ein paar Wochen lang gemästet und dann als kleine Brathühner verkauft. Aber gibt es auf einem hart umkämpften und gesättigten Markt noch genügend Käufer für zusätzliche 40 Millionen Stubenküken?

"Broiler" sind Hähne und Hennen von Masthuhn-Hybridlinien

Nach dem 2. Weltkrieg wuchs in Deutschland der Appetit auf Hühnerbrust und Eier. Fleisch sollte jeden Tag und für alle erschwinglich werden, so der Traum der Wirtschaftswunderkinder. Aber die Hühnerrassen, bei denen die Hennen Eier legten und die Hähne das Fleisch lieferten, konnten diesen Wunsch nach billiger Massenware nicht befriedigen. Eine Hühnerrasse kann entweder viele Eier legen oder viel Fleisch ansetzen. Will man beides in einem Tier, muss man sowohl bei der Zahl der Eier als auch beim Gewicht der Brust Abstriche machen. Doch die Aussicht auf höhere Gewinne ließ die Züchter schnell dazu übergehen, spezialisierte Rassen heranzuzüchten. Neue Hühner mit immer höherer Leistung war das erklärte Ziel.

Broiler am Grill

Ein Teil der Hühnerindustrie spezialisierte sich auf die Mast. Nach und nach wurden Hühner herangekreuzt, die vor lauter Brustmuskeln kaum noch laufen können. Diese Hähne und Hennen der Turbomastlinien rotieren heutzutage als Hendl oder Broiler im Imbiss am Spieß.

Ihr Leben in der Mast ist für diese Hühner die reinste Quälerei. Sie leiden schon zuchtbedingt an Herzkreislauferkrankungen, defekten Gelenken und nachgiebigen Knochen. Bis zu 5 Prozent dieser Turbohühner überleben nicht einmal die 35 Tage vom Schlupf bis zur Schlachtung. Hinzu kommt die drangvolle Enge im Intensivmaststall. Zuletzt im Juni 2009 verabschiedete der Bundesrat neue Haltungsrichtlinien für Masthühner. Vom Tierschutzgedanken scheint er sich ebenfalls verabschiedet zu haben: Die bisher üblichen katastrophalen Bedingungen in der Hühnermast wurden in der neuen Verordnung behördlich zum Standard erhoben. Bis zu 39 kg/qm - also bis zu 25 Tiere pro Quadratmeter - dürfen in deutschen Ställen zusammengepfercht werden.

Ein anderer Teil der „Hühnerbarone“ spezialisierte sich auf die Zucht von Turbo-Legehennen. Die Hennen dieser zweifelhaften Hochleistungslinien legen heutzutage bis zu 320 Eier im Jahr. Ihre Ahnen in den 60er Jahren kamen noch auf nur 180 Eier pro Jahr und Huhn. Zum Vergleich: Die Wildform unserer Haushühner legt dagegen gerade mal 20 bis höchstens 60 Eier. Vom aufgenommenen Futter wird bei den männlichen und weiblichen Tieren aus den Turbolegelinien nur noch wenig in den Aufbau von Körpermasse investiert. Beide Geschlechter bleiben deshalb mager und dürr. Doch während die auf "Umsatz" hochgetrimmten Hennen jede Menge Eier legen, bleiben ihre auf "Umsatz" getrimmten Brüder mager auf der Strecke. Eier legen sie bekanntlich nicht.

Keine Eier, kein Fleisch; mit dieser Wende in der Hühnerzucht schlüpften auf einmal Millionen von Küken in den Brutschränken der Leistungszüchter, für die es keine wirtschaftliche Verwendung mehr gab und bis heute nicht gibt. So zynisch und grausam es klingt: Das männliche Küken ist ein Fehler im System der Geflügelindustrie: gnadenlos ausgelöscht und totgeschwiegen. Und immer noch wissen viele Menschen nichts davon.

Foto: © PROVIEH